013 Bestienblut / Staubmannsgrab
013 Bestienblut / Staubmannsgrab PDF 
Geschrieben von: CKomet   
30.12.15 um 16:57 Uhr
Gemeinsam mit den anderen Gefährten brachte Akkirah die Vorräte mit hoch nach Jorrvaskr. Als sie oben ankamen, sagte Tilma ihr, sie möge hinaus auf die Terrasse gehen. Kodlak wollte mit ihr sprechen. Sie nickte und begab sich nach draußen. Kodlak saß auf einem Stuhl und genoss die letzten wärmenden Strahlen der Abendsonne.

"Setzt euch zu mir Mädchen." Sie holte sich einen Stuhl und gesellte sich zu ihm. Dann sah er sie lange an. "Ihr seid wieder hier. Das freut mich. Wir können gute Leute immer gebrauchen und ich denke nicht, das ich mich in euch täusche. Ihr seid etwas Besonderes."
Akkirah lachte: "Das ist doch quatsch. Ich bin nur ein einfaches Mädchen, das gut mit dem Bogen umgehen kann, und auch nicht ganz ungeschickt im Umgang mit dem Schwert ist. Dazu bin ich," sie stockte kurz, "war ich eine Diebin."
"Das habt ihr aber hinter euch gelassen. Aus eigenem Antrieb. Sonst wärt ihr nicht hier." Er schwieg einen Moment. "Ich habe mich mir Skor, Vilkas und Farkas unterhalten. Die drei halten euch für würdig, in den Kreis der Gefährten aufgenommen zu werden. Aela brauchten wir nicht zu befragen, weil sie hat euch schließlich hier eingeführt."
Akkirah wurde rot. So schnell hatte sie nicht damit gerechnet ein offizielles Mitglied der Gefährten zu werden. Sie dachte an Torvar, der schon wesendlich länger dabei war als sie und immer noch Anwärter Status hatte.
"Wieso so schnell? Ist es nicht Torvar gegenüber etwas ungerecht, der doch schon länger dabei ist?"
Kodlak lächelte sie an. "Auch er wird irgendwann aufgenommen, wenn er endlich gelernt hat, sich in Geduld zu üben. Es ehrt euch, das ihr an andere denkt, das macht nicht jeder. Und nun wird es Zeit zum Essen hinein zugehen. Würdet ihr mir bitte aufhelfen? Meine alten Knochen wollen leider nicht mehr so recht."

"Natürlich, Kodlak." Sie half ihm beim Aufstehen und stützte ihn beim Hineingehen und brachte ihn zu seinem Platz in der Mitte der Tafel. Es waren heute alle Gefährten anwesend, was selten vorkam. So war nur noch der Platz neben Vilkas frei. Akkirah setzte sich neben ihn.

"Bevor wir mit dem Essen anfangen, möchte ich noch offiziell allen hier bekannt geben, das Akkirah als ein vollwertiges Mitglied der Gefährten anerkannt wurde." Kodlaks Stimme klang laut und deutlich durch den Raum. Die Meisten freuten sich darüber. Nur Torvar war, wie nicht anders zu erwarten, enttäuscht, was Akkirah gut verstehen konnte. Was sie aber wunderte war, dass Nadja ihr auch giftige Blicke zuwarf. Sie hatte bisher nie etwas mit ihr zu tun gehabt und eigentlich auch noch kein Wort mit ihr gesprochen. Es hatte sich bisher noch keine Gelegenheit dazu gegeben. Sie hatte aber kaum Gelegenheit da nun weiter drüber nach zudenken, denn Tilma brachte nur das Essen herbei. Akkirah wollte aufstehen und ihr helfen, als Vilkas sie am Arm ergriff, um sie auf dem Platz zu ziehen, denn er wusste das Tilma es nicht wollte, wenn man ihr half.

Was dann kam, damit hatte keiner gerechnet. Akkirah riss sich panisch los, sprang auf und hielt ihr Messer, das sie gezogen hatte, abwehrbereit in der Hand. Es herrschte einen Augenblick Schweigen in der Halle. Dann drehte Akkirah sich um und lief nach draußen in den Hof. Tränen schossen ihr dabei in die Augen. Vilkas wollte ihr folgen, doch Aela war schneller und hielt ihn zurück:
"Lasst mich mit ihr reden. Alleine" Vilkas sah die Jägerin an und erkannte, das sie keinen Widerspruch dulden würde. Also setzte er sich wieder. "Lasst uns anfangen mit dem Essen, bevor es kalt wird", sagte Kodlak und die anderen begannen mit dem Essen."

Aela fand Akkirah in einer der Mauernischen zusammengekauert sitzen und weinen Sie ging zu ihr, kniete sich neben ihr nieder und legte den Arm um sie. "Ganz ruhig, kleine Schwester", versuchte sie Akkirah zu beruhigen. "Alles wird gut werden."
"Wie denn, wenn ich immer nur in Panik gerate, sobald mich jemand festhält", Akkirah weinte immer noch. "Ich will es nicht, aber ich nichts dagegen tun." "Deshalb müsst ihr nicht weinen, Schwester. Jeder hat irgendetwas vor dem er sich fürchtet. Aber wenn man selbst und auch die Freunde es wissen, dann kann man solchen Situationen aus dem Wege gehen." Sie reichte Akkirah ein Tuch. "Kommt Kleines, trocknet euch die Tränen ab und wenn ihr euch etwas gefangen habt, dann kommt wider mit rein. Dann sagt den anderen was los ist."
"Ich kann das nicht."
"Doch, Akki, ihr könnt das. Glaubt mir, es wird euch helfen, wenn ihr es den anderen sagt."
Akkirah sah der Jägerin in die Augen. Diese blickte sie aufmuntern an. "Kommt schon, gebt euch einen Ruck und kommt wieder mit mir rein."
Akkirah brauchte noch ein paar Minuten um sich wieder zu fangen. Dann wischte sie sich die Tränen fort und stand auf. "Ihr habt Recht. Ich kann nicht jedes Mal davon rennen, wenn das passiert."

Gemeinsam betraten Akkirah und Aela wieder die Halle der Gefährten. Akkirah ging zu ihrem Platz und blieb stehen. Aela hielt sich neben ihr um ihr notfalls Mut zuzusprechen. "Ich möchte mich bei euch allen für mein Verhalten eben entschuldigen", dann wandte sich Akkirah an Vilkas. "Besonders euch gegenüber. Ich wollte mein Messer nicht gegen einen Bruder richten, aber sobald mich ein Mann versucht festzuhalten, erfolgt so eine Kurzschlussreaktion. Ich weiß nicht warum es passiert. Vielleicht ist mal irgendwann etwas vorgefallen, das mich jedes Mal in Panik versetzt, wenn man es versucht."
"Setzt euch wieder hin. Und niemand ist euch böse, wegen dem was eben passiert es. Aber es ist gut das ihr es uns gesagt habt." Vilkas schob ihr den Stuhl zu. Die anderen nickten zustimmend. Akkirah setzte sich wieder hin und Vilkas gab ihr einen Becher Met. "Kommt, trinkt erst mal etwas. Danach wird es euch besser gehen."
Sie nahm ihm dankbar den Becher aus der Hand. "Ich danke euch", sagte sie leise. Die anderen nahmen ihre Gespräche wieder auf und Akkirah fing an zu essen. Farkas wollte Akkirah wieder aufmuntern. Er fing an zu erzählen, dass er panische Angst vor Pferden hätte und erzählte, was ihm als Kind widerfahren war. Er versuchte es auf witzige Art dazustellen, auch wenn es damals alles andere als lustig war. So wurde der Abend am Ende doch noch recht lustig. Nach dem Essen, als die Meisten zu Bett gehen wollten, ließ sich Akkirah aber nicht davon abbringen, Tilma beim Abräumen und Abwaschen zu helfen.

Als die beiden fertig waren, waren sie die Letzten in der Halle. Tilma bedankte sich bei Akkirah für die Hilfe und begab sich dann in ihr kleines Zimmer. Akkirah ging nach unten in den Schlafsaal. Als sie zu ihrem Bett kam, fand sie auf dem Kopfkissen das Buch liegen, das sie Vilkas wiedergegeben hatte. Sie musste lächeln. Wie lieb von Vilkas, es ihr herzulegen. Ria und Nadja hatten sich schon schlafen gelegt. Akkirah war noch nicht müde. Sie wollte die beiden aber nicht stören, indem sie die kleine Lampe auf ihrem Nachttisch heller drehte, um noch etwas zu lesen. Daher begab sie sich auf den Gang wo ein paar Tische und Stühle standen und setzte sich dort auf einen Stuhl und entzündete eine Lampe und drehte die Flamme etwas höher und begann zu lesen. Sie bemerkte nicht, dass Vilkas zu ihr getreten war. Er war ganz leise zurück in die Wohnquartiere gekommen, nachdem er sich zuvor noch nach draußen begeben hatte und die Übungsschwerter, die er am Nachmittag getestet hatte, wieder an ihre Plätze unter dem Dach zu bringen.

"Darf ich mich zu euch setzten?" fragte er sie. Sie schrak kurz zusammen, aber dann nickte sie. "Tut mir leid ich wollte euch nicht schon wieder erschrecken." "Das habt ihr nicht. Ich war nur zu sehr ins Buch versunken und habe euch nicht bemerkt." Sie sah ihn lächelnd an. Sie unterhielten sich noch fast eine Stunde und dann meinten beide, es wäre an der Zeit schlafen zu gehen. Akkirah erkundigte sich noch, ob Vilkas etwas für sie zu tun hätte. Er nickte und bat sie ihn gemeinsam mit Athis nach dem Frühstück aufzusuchen. Dann würde er ihnen erklären, um was es ging. Akkirah bedankte sich und wünschte ihm dann eine gute Nacht.

Am nächsten Morgen ging sie gemeinsam mit Athis zu Vilkas wegen der Arbeit. Man hatte einen Bewohner von Weißlauf entführt und wollte ihn gegen ein Lösegeld wieder freilassen. Aber erstens konnte die Familie die Summe nicht aufbringen und zweitens würde selbst nach Geldübergabe der Mann sterben, denn die Banditen würden keine Zeugen am Leben lassen. Sie befanden sich in Redorans Zuflucht, die gut eine Tagesreise von Weislauf entfernt lag. Zu Pferd wäre man schneller da, meine Vilkas. So beschlossen Athis und Akkirah sich noch ein zweites Pferd zu mieten und hin zureiten. Sie erreichten die Zuflucht in der Dämmerung. Sie hielten sich erst mal davon fern und ließen die Pferde in sicherer Entfernung zurück und schlichen dann zum Eingang. Akkirah ging mit ihrem Bogen vor und Athis blieb mit seinem Einhänder hinter ihr. Es gelang ihnen die Geisel ohne großartige Schwierigkeiten zu befreien, da sie das Überraschungsmoment auf ihrer Seite hatten.

Sie beschlossen, als sie wieder bei den Pferden ankamen, die Nacht dort zu verbringen indem Athis und Akkirah abwechselnd Wache hielten, denn es war ihnen zu gefährlich für die Tiere im Dunklen zurück zu reiten. Als die Sonne aufging brachen sie dann auf zurück nach Weißlauf. Die gerettete Geisel nahm Athis mit auf sein Pferd und so erreichten sie Weißlauf am späten Nachmittag.

Vilkas war sehr erfreut als er hörte, dass alles glatt gegangen war. Aber er hatte es auch gar nicht anders erwartet. Akkirah wollte sic vor dem Abendessen noch etwas hinlegen und lesen. Unten im Schlafsaal traf sie Nadja.
"Ich freue mich, euch endlich mal anzutreffen, Nadja. Bisher hatten wir ja noch keine richtige Gelegenheit, uns mal zu unterhalten", sprach Akkirah sie freundlich lächelnd an.
"Dieser Zustand wird sich auch sicherlich so schnell nicht ändern." Sie stand auf und verließ den Raum. Akkirah sah ihr verwirrt und kopfschüttelnd nach. ‚Was hatte sie ihr denn getan, das sie so unfreundlich war?' fragte sie sich.

Über Arbeitsmangel konnte sich Akkirah nicht beklagen und so gingen die Wochen wie im Flug vorbei. Häufig zog sie Athis oder Ria los. Torvar war in der Zwischenzeit auch zum Gefährten aufgestiegen, worüber Akkirah recht froh war. Vilkas verließ Jorrvaskr selten, da er wann immer jemand von den Gefährten nicht unterwegs war, mit ihm trainierte. Außerdem verbrachte er viel Zeit damit, mit Kodlak zusammen zu sitzen, der Aufgrund seines Alters und der angeschlagenen Gesundheit Jorrvaskr nicht mehr verlassen konnte. Akkirah gesellte sich öfters dazu, wenn sie nicht gerade unterwegs war. Sie mochte den alten Mann sehr gerne. Und er freute sich auch immer, wenn er sich mit ihr unterhalten konnte. Anfangs hatte Akkirah etwas Angst gehabt, Vilkas würde es nicht gefallen, wenn sie dabei war. Irgendwie musste sie da immer an ihr erstes Aufeinandertreffen denken. Da sie alle drei sehr gerne lasen, hatte sie auch immer genug Gesprächstoff.

Nur an Nadja kam Akkirah einfach nicht ran. Das stimmte sie immer wieder traurig, aber sie lies es sich den anderen gegenüber nicht anmerken. Aus Andeutungen von Ria, die bisher immer gut mit der streitsüchtigen Nord klar kam, hatte sie den verdacht, dass Nadja ziemlich ungehalten war, weil Akkirah so schnell aufgenommen war. Dazu kam, dass sie von dem Zirkel der Gefährten durchweg geachtet wurde. Und dass sie dann noch so viel Zeit mit Kodlak verbrachte, gefiel Nadja am wenigsten. Akkirah konnte nicht versehen, was daran so schlimm sein sollte. Jedem stand es doch frei, zu Kodlak zu gehen und sich mit ihm zu unterhalten. Und wenn man das nicht tat, war es doch die eigene Schuld.

Akkirah fühlte sich in Jorrvaskr sehr wohl und es war ihr wirklich zur Heimat geworden. Sie dachte kaum noch an Rifton. Zwar vermisste sie schon ihre Freunde dort ein wenig, aber sie hatte hier neue gefunden. Nur eines bereitete ihr etwas Kummer. Wieder einmal gab es jemanden, bei dem sie nicht wusste, wie er zu ihr stand. Vilkas war ihr gegenüber immer freundlich und versuchte nie ihr zu Nahe zu treten. Sie spürte dass er sie gerne hatte, aber er verbarg es, so gut er es konnte. Es gab Tage, da hatte sie das Gefühl, er mied es, alleine mit ihr zu sein, so gut er konnte, an anderen Tagen suchte er ihre Nähe mehr als sonst. Sie war schon versucht mit Kodlak darüber zu sprechen, aber sie fand entweder nicht die richtige Gelegenheit dazu, weil Vilkas dabei war oder sie fand nicht die richtigen Worte. Sie wusste nur, dass sie ihr Herz an Vilkas verloren hatte.

Eines Tages saß Akkirah wieder mal mit Vilkas und Kodlak in dessen Zimmer und sie unterhielten sich. Akkirah war die vier Tage zuvor mit Athis und Torvar auf der Strasse Richtung Rorikstatt unterwegs gewesen, weil sich irgendwo dort eine Gruppe Banditen herum trieb und die Strasse unsicher machte und die Reisenden überfielen. Daher hatten sich die drei nun einen freien Tag gegönnt. Athis und Torvar hatten beschlossen, die Honigbräuerei aufzusuchen während Akkirah in Jorrvaskr blieb. Kurz vor Mittag kam Tilma zu ihnen und meinte ihre Fleischvorräte müssten langsam mal wieder aufgefrischt werden. Akkirah hielt das für eine gute Abwechslung und fragte Vilkas, ob er nicht auch mal Lust hätte, auf die Jagt zu gehen. Bevor er sich herauswinden konnte, sagte Kodlak: "Das ist doch eine gute Idee, mein Junge. Ihr müsst auch mal wieder was anderes sehen als nur die Halle und den Hof." So zogen dann Akkirah und Vilkas gemeinsam los. Als Akkirah bei den Ställen halt machte, wurde Vilkas etwas ungehalten. "Zu Fuß kommt man viel besser an das Wild ran", meinte er. "Da habt ihr Recht, aber mit dem Pferd kann man mehr zurücktragen. Daher nehmen wir Adelante mit, sie bleibt hinter uns und wird uns schon nicht im Weg stehen."

"Bitte lasst sie hier. Pferde mögen mich nicht." Etwas in seiner Stimme ließ Akkirah aufhorchen. Er verschwieg etwas, spürte sie. Und als sie in seine Augen sah, wirkten diese ein wenig ängstlich. Das passte überhaupt nicht zu ihm. Akkirah wollte die Stute daher lieber nicht herbeirufen, als diese von selbst heran kam, wie sie es fast immer tat, wenn sie Akkirah sah. Als sie sich ihnen näherte wurde das Pferd plötzlich unruhig und scheute. Vilkas trat zurück. Akkirah beruhigte Adelante wieder.
"Da seht ihr es", sagte Vilkas ungehalten, "Pferde haben etwas gegen mich."
"Ist in Ordnung, Vilkas, wir lassen sie hier. Und bitte seid mir nicht böse, das sie herbei gekommen ist."
Es sah sie an und dann lächelte er: "Euch kann ich nicht böse sein."

Akkirah wurde leicht rot. Sie drehte sich daher, um und beschloss loszugehen. Vilkas folgte ihr. Sie erlegten einen großen Hirsche und hatten hinterher leichte Probleme, das große tote Tier mitzuschleppen. Aber irgendwie schafften sie es doch. Dazu kamen noch ein paar Kaninchen und vier Fasane. Tilma freute sich darüber.

Während sie zu dritt die Tiere ausnahmen, kam Skor zurück.
"Wo ist Farkas?" war Vilkas erste Frage und er sah besorgt aus, denn die Skor und Farkas waren gemeinsam losgegangen.
"Macht euch keine Sorgen, Vilkas. Als ich ihn verlassen habe ging es ihm gut. Er hält beim Staubmannsgrab Wache. Wir haben gehört, dass sich dort ein Fragment von Wuuthrad drinnen befinden soll. Daher ist Farkas zurück geblieben, um den Eingang im Auge zu behalten. Wir hielten es für besser, wenn ein Bogeschütze dort mit reingeht und weder Farkas noch ich sind dafür geeignet. Akkirah, wärt ihr bereit mit Farkas dort ins Grab zu gehen? In den engen Gängen ist es mit mehr als zwei Leuten schwierig durchzukommen, ohne sich im Wege zu stehen. Ich hatte gehofft Aela wäre schon zurück, aber ich vermute sie wurde in Falkenring aufgehalten."
"Ich werde gehen, Skor, sagt mir nur wo ich das Grab finde und ich reite auf der Stelle los. Drei Stunden ist es ja noch hell, da kann ich gut vorwärts kommen."
Skjor beschrieb ihr den Weg und sie machte sich sogleich auf den Weg, nachdem sie ihre Waffen geholt hatte. Vilkas bat sie vorsichtig zu sein und gut auf seinen Bruder aufzupassen. "Manchmal stürmt er halt gerne Kopflos auf seine Gegner zu."
"Ich verspreche euch, dass ich euren Bruder so gut ich kann beschütze. Macht euch keine Sorgen, wir schaffen das schon und finden das Fragment."

Vilkas sah ihr besorgt nach. Am liebsten wäre er mitgegangen. Aber Skjor hatte Recht, gerade in Gräber ging man besser nicht mit zu vielen Leuten. So lief Akkirah dann geschwind hinunter zu den Ställen und sattelte Adelante. Sie wollte so weit wie möglich kommen solange es noch hell war. Sie trieb Adelante an, so schnell wie es der Boden zuließ, zu laufen. Als die Dunkelheit hereinbrach ließ sie die Stute langsam weiter gehen. Glücklicherweise schiene die beiden Monde Hell am Himmel und sorgten für etwas Licht. So schaffte sie es noch weit vor Mitternacht beim Staubmannsgrab anzukommen. Farkas hatte sie sich nähern hören und rief ihr leise zu. Akkirah nahm Adelante die Zügel von der Trense und legte sie, wie sie es gewohnt war, in die Satteltasche. Sie beschlossen, nicht bis zum Morgen zu warten um ins Grab hinein zu gehen. Drinnen war es eh dunkel.

Akkirah übernahm vorsichtig die Führung. Farkas blieb direkt hinter ihr. Grabräuber schienen schon vor ihnen am Werk gewesen zu sein, vor nicht allzu langer Zeit, da einige Gräber aufgebrochen waren. Als sie zu einer Grabkammer mit offenen Gräbern kamen, stießen sie auf mehrere Drauge. Untote Leichen von denen niemand wusste warum sie plötzlich wieder zum Leben erwachte, sofern man es Leben nennen konnte. Akkirah gelang es einen nach dem anderen endgültig ins Reich der Toten zu befördern. Sie kamen recht zügig vorwärts bis sie zu einer riesigen Höhle kamen. Hier ging es nicht weiter. Ein Gitter versperrte den Weg. In einer kleinen Nische befand sich ein Hebel. Akkirah beschloss ihn zu betätigen. Sie bat Farkas zurück zu bleiben, sollte etwas schief gehen, damit er notfalls Hilfe holen konnte. Und es kam wie es kommen musste. Der Hebel öffnete das andere Tor, aber ließ gleichzeitig ein weiteres Gitter hinab so das Akkirah eingesperrt wurde. Sie versuchte den Hebel noch mal zu betätigen, aber es tat sich nichts. Sie ging zum Gitter: Farkas, ihr müsst schauen ob ihr eine andere Möglichkeit findet mich hier rauszuholen." Er sah sie an und nickte. Dann stieß Akkirah einen Warnschrei aus und griff zu ihrem Bogen. Es kamen fünf Gestalten durch das gerade geöffnete Tor hereingestürmt, alles schwer Bewaffnete und sie sahen nicht so aus, als würden sie ihnen helfen wollen. Sie zog ihren Bogen, aber er würde nicht viel nützen, da es schwer war durch die Gitterstäbe zu schießen.

"Schade, dass ihr nicht beide in die Falle gegangen seid", sagte einer der fünf. "Aber auch so werdet ihr gleich sterben. Keiner von euch wird mehr lange leben, das verspreche ich euch."
"Ihr solltet keine Versprechen von euch geben, die ihr nicht zu halten im Stande seid", antwortete Farkas ganz ruhig. Akkirah bewunderte ihn, dass er trotz der Überzahl so ruhig bleiben konnte. Aber was dann kam, ließ sie vor Entsetzten erstarren und ihr Bogen fiel zu Boden. Farkas verwandelte sich vor ihren Augen in einen Werwolf und in dieser Gestalt ging er auf seine Gegner los. Diese waren, obwohl sie es scheinbar erwartet hatten, doch Teilsweise überrascht und so gelang es Farkas trotz der Überzahl sie schnell zu besiegen. Als sie alle tot am Boden lagen verschwand er für kurze Zeit. Akkirah stand zittern vor Angst da. Farkas war ein Werwolf. Werwölfe waren für Akkirah bisher nur Märchenwesen gewesen. Bestien die andere Menschen in Vollmondnächten zerfleischten und manchen Unschuldigen selbst in eine Bestie verwandelten.

Plötzlich ging das Gitter vor ihr wieder hoch. Sie stand weiterhin wie festgewachsen da. Dann tauchte Farkas wieder in seiner normalen menschlichen Gestalt vor ihr auf und ging langsam auf sie zu. Akkirah zog ihr Schwert und wich vor ihm zurück. "Ich hoffe, ich habe euch nicht erschreckt", sagte er ganz sanft zu ihr, um sie zu beruhigen.

Akkirah richtete ihr Schwert auf ihn. "Kommt mir nicht zu nahe, ich werde das Schwert benutzten, wenn es sein muß." Farkas blieb stehen. "Steckt es bitte weg, ich habe nicht vor euch etwas zu tun. Ihr seid schließlich meine Schildschwester". Er senkte traurig den Blick. "Es war nicht beabsichtig, es euch zu offenbaren, aber es gab keine andere Möglichkeit die Silberne Hand sonst zu erledigen. In menschlicher Gestalt hätte ich alleine keine Chance gegen die fünf gehabt." Er schwieg einen Moment. Auch Akkirah sagte kein Wort. Sie wusste immer noch nicht was sie tun sollte. Sollte sie versuchen ihn zu töten, wie man es mit solch einer Bestie zu tun pflegte, damit sie kein weiteres Unheil anrichten konnte? Aber er war doch ihr Freund, er war immer nett und freundlich zu ihr und auch zu anderen. Nie wäre sie darauf gekommen, dass er eine Bestie war.
"Bitte nehmt euer Schwert runter, Akki." Wie betäubt ließ sie es schließlich sinken.
"Wissen, die anderen davon?" fragte sie?" Farkas nickte. "Alle aus dem Zirkel sind Werwölfe. Es ist ein gut gehütetes Geheimnis."

Alle! Aela, Skjor, Kodlak und ... Vilkas. Plötzlich verstand sie, warum er sie auf Distanz zu sich hielt. Aber wenn sie es nun wusste, was würde aus ihr werden? Sie bekam plötzlich wieder Angst und begann zu zittern. "Werdet ihr mich nun auch zum Werwolf machen, damit ich nichts verrate?" ihre Stimme zitterte, genau wie sie selbst. Farkas sah sie entsetzt an. "Niemand wird euch etwas antun. Darauf habt ihr mein Wort, Schwester" Er sah sie ernst an. "Ich bitte euch nur, mir zu versprechen, es niemanden zu verraten. Und bitte erzählt auch den anderen Mitgliedern des Zirkels nicht, was hier passiert ist." Er sah sie fast flehend an. Sie konnte nicht anderes und versprach es ihm. Immerhin hatte er ihr eben das Leben gerettet. Sie stelle noch einige Fragen, besonders zu der Gruppe, die sie hier gerade angegriffen hatte. Farkas erzählte ihr, das es sich um eine Gruppe von Werwolfjägern handelte, die sich vorgenommen hatten, jeden einzelnen Werwolf in Himmelsrand zur Strecke zu bringen. Bisher hatte sie sich aber von den Gefährten ferngehalten. Es war das erste Mal das sie offen gegen die Gefährten agierten. Und es schien eine gut vorbereitete Falle gewesen zu sein.

Dann sagte er: "Kommt, Schwester, wir sollten weitergehen und das Fragment, wegen dem wir hier sind holen." Sie sah, dass er etwas humpelte. "Ihr seid verletzt", sagte sie, "wir sollten umkehren."
"Nein, wer weiß ob wir je wieder eine Gelegenheit bekommen an das Fragment heranzukommen, nachdem nun die Silberne Hand wohl auch davon erfahren hat." Er drehte sich um und ging in die Richtung, aus der die Mitglieder der silbernern Hand gekommen waren. Er bemühte sich dabei normal zu gehen. Was sollte sie tun? Sie konnte ihn nicht alleine gehen lassen. Sie hatte zudem Vilkas versprochen auf Farkas aufzupassen. Daher bleib ihr nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Sie sammelte ihren Bogen wieder auf. Dann übernahm sie wieder die Führung. Dadurch das sie sich auf das was vor ihr lag Konzentrieren musste, versuchte sich nicht an das zu denken, was sie gerade erfahren hatte. Noch mehr Mitglieder der Silbernen Hand waren in der Höhle anzutreffen. Akkirah bemühte sich diese schnell auszuschalten, damit sie ihre Gefährten nicht warnen konnten. Auch trafen sie auf dem Weg zur Krypta immer wieder auf Drauge. In einer großen Höhle wurden sie von einer riesigen Frostbisspinne und ein paar weiteren kleinen Exemplaren überrascht. Eines der Viecher erwischte Farkas, der nicht schnell genug gausweichen konnte am Arm. Akkirah spülte die Wunde so gut es ging an einem unterirdischen Wasserfall aus und legte einen Verband an.

Dann gelangten sie in die Kammer, wo sich das Fragment von Wuuttrad befand. Auf einem Tisch der vor einer gebogenen Mauer stand lag das Teil. Als sich Akkirah der Mauer näherte hatte sie das Gefühl etwas drang in ihren Geist ein. Sie konnte sich nicht erklären was es war, aber es entsetzte sie. Farkas bekam es nicht mit, da er zurückgeblieben war und in dem Moment wo Akkirah sich der Mauer genähert hatte, hatte sie gleichzeitig das Fragment aufgenommen. Dadurch wurden plötzlich diverse Deckel von den Gräbern in der Krypta gelöst und die sich dahinter befindlichen Drauge drangen in den Raum. Akkirah blieb keine zeit nachzudenken, was gerade geschehen war, dann sie sah das Farkas von den Untoten umring wurde. Akkirah bemühte sich, mit ihrem Bogen diese Wesen zu beseitigen und hatte jedes Mal Angst, Farkas würde in ihre Schussbahn geraten. Dann gingen ihr die Pfeile aus und es bleib ihr nichts anderes übrigen, als zu ihrem Schwert zu greifen. Es waren nur noch drei der untoten Drauge übrig, aber Akkirah sah wie Farkas fast zu Boden ging, Die Verletzung an seinem Bein musste doch schlimmer sein, als er zugeben wollte. Akkirah stürmte zu ihm und gemeinsam gelang es ihnen die restlichen Drauge unschädlich zu machen. Als die Drauge Tot waren wollte Akkirah nach der Wunde von Farkas sehen, aber er wollt es nicht. "Wir müssen sehen, dass wir hier weg kommen", meinte er nur.
"Aber so könnt ihr nicht gehen. Ihr schafft es niemals bis Weißlauf", entgegnete sie.
Er ließ sich überzeugen, Akkirah nachschauen zu lassen. Er hatte einen ziemlich tiefen Schnitt abbekommen, der stark blutete. "Es muß genäht werden, ich habe aber nichts dabei", fluchte sie. So konnte sie nur einen festen Verband anlegen.

Beim weitergehen stützte sich Farkas auf Akkirah. Als sie das Grab endlich verließen, war auch schon der neue Tag angebrochen. "Ihr werdet euch auf Adelante setzten, ob es euch passt oder nicht", sagte Akkirah. Farkas sah sie ernst an. "Selbst wenn ich keine Angst hätte, würde es nichts werden, Schwester", sagte er traurig. "Pferde spüren den Wolf in mir und lassen mich nicht an sich ran."

"Adelante vertraut mir, ihr werdet schon sehen", Akkirah pfiff nach der Stute. Aber sie irrte sich. Als die Stute näher kam, wurde sie unruhig und als Akkirah sie zu Farkas führen wollte scheute sie und versuchte soviel Abstand wie möglich war, zu bekommen. Sie ließ sich auch nicht beruhigen. "Ich sagte es euch doch, das wird nichts", hörte Akkirah Farkas nur sagen. Nun verstand sie warum Vilkas nicht wollte, das sie das Pferd damals zur Jagt mitnahm. Auch er kannte die Reaktion. Und ihr war auch klar was der wahre Grund war, um nach Rifton mit der Kutsche zu reisen. Nicht die Vorräte, die sie auf dem Rückweg mitbringen wollten, sondern auch Aela konnte nicht an Pferde heran.

So mussten sie zu Fuß gehen. Akkirah stützte Farkas so gut es ging du sie kamen nur recht langsam vorwärts. Adelante hielt sich in einigen Abstand. Immerhin lief sie nicht weg, sondern bleib in der Nähe. Die meiste Zeit schwiegen beide auf dem Heimweg. Akkirah war in Gedanken versunken. Sie wusste nicht wie sie mit ihrem Wissen klarkommen sollte. Wie konnte sie den Mitgliedern des Zirkels in die Augen sehen ohne immer eine Bestie in ihnen zu sehen, die möglicherweise jederzeit ausbrechen konnte? Ihr war zum Heulen zumute, aber sie unterdrückte die Tränen. ‚Vilkas', dachte sie und plötzlich bekamen die Worte zwischen Vilkas und dem Herold der Gefährten, die sie am ersten Tag aufgeschnappt hatte, unten in den Wohnquartieren, als sie in der Tür stand, um mit Kodlak zu sprechen, einen Sinn. Und sie verstand seinen traurigen Gesichtsausdruck. Er war unglücklich mit der Situation. Anders als Farkas, Aela und Skjor, die damit scheinbar gut zu Recht kamen.

Akkirah dachte lange darüber nach was sie tun sollte. Als sie sich Weißlauf näherten, sah sie von weiten Torvar gemeinsam mit Athis aus der Honigbräuerei kommen. Sie winkten ihnen zu, damit sie auf sie warten würden, wenn sie unten bei den Ställen ankamen.

"Farkas, ich werde nicht mit euch zurück kehren. Ich brauche Zeit für mich, um mit dem was ich heute Nacht erfahren habe, klar zu kommen. Keine Angst, ich werde niemanden ein Sterbenswörtchen verraten, darauf habt ihr mein Wort, aber ich kann weder euch, noch den anderen so unter die Augen treten." Er sah sie traurig an. "Was soll ich den anderen als Grund nennen, das ihr nicht mit zurückkommt?" "Irgendwas wird euch schon einfallen und wenn es nur ist, ich hätte ein schlechtes Gewissen, weil es mit nicht gelungen ist, euch zu schützen, so wie ich es eurem Bruder versprochen hatte." Er sah zu Boden. Ihm war klar, dass er sie nicht umstimmen konnte und bevor er noch was sagen konnte, erreichten sie auch schon Torvar und Athis.

Akkirah bat die beiden Farkas nach Jorrvaskr zu bringen und Danica holen zu lassen, damit sie sich die Wunde anschauen konnte. Sie selbst lief zu Adelante die in einigem Abstand hinter ihr stehen geblieben war, sprang in den Sattel und stürmte davon. Athis und Torvar sahen ihr kopfschüttelnd nach. Was war los mit ihr? Farkas schwieg und so brachte sie ihn erst mal zurück in die Methalle der Gefährten.