03 Unterwegs nach Flusswald
03 Unterwegs nach Flusswald PDF 
Geschrieben von: CKomet   
16.02.16 um 21:12 Uhr

Nachdem Nanija wieder auf ihren Beinen stand, trat Ralof an Nanija heran und ergriff ihren Arm, den er um seine Schulter legen wollte, damit sie sich besser abstützen konnte. Diese recht überraschend kommende Berührung gefiel Nanija überhaupt nicht. Niemand durfte sie ungefragt so anfassen. Sie zog ihr Messer und hielt es Ralof unter das Kinn.

„Lasst mich auf der Stelle los, oder ihr werdet es bereuen“, ihr Ton war eindeutig und Ralof trat schnell zurück.

„Was ist los mit euch, Mädchen? Ihr könnt kaum laufen, also ist es doch wohl besser, wenn ich euch stütze.“

„Lasst das meine Entscheidung sein. Niemand fässt mich ungefragt so an“, stieß sie wütend hervor.

Ralof trat ein paar Schritte zurück. „Ist ja schon gut, ich werde Abstand von euch halten. Ich hatte nicht vor euch zu nahe zu treten. Es tut mir leid, sollte der falsche Eindruck entstanden sein.“ Er wusste nicht was er noch sagen sollte. Mit so einer heftigen Reaktion hatte er nicht gerechnet. Wahrscheinlich lag es an der ganzen Aufregung und Erschöpfung.

Nanija sah sich um. Sie entdeckte einen stabilen Ast mit Gabel, der wohl beim letzten Sturm von einem der großen Bäume herabgefallen war. Vorsichtig humpelte sie rüber und sah ihn sich an. Er war etwas lang, aber wenn man unten etwas abhackte würde er seinen Zweck erfüllen. Ralof sah ihr zu, als sie den Ast mit ihrem Schwert bearbeitete, dass sie zuvor einem der kaiserlichen abgenommen hatte und gegen die Axt von Gunja getauscht hatte. Er fragte vorsichtig, ob er helfen könne, aber Nanija schüttelte den Kopf. Als sie fertig war probierte sie die Krücke aus und war zufrieden. Zwei davon wären sicherlich besser, aber so war es auf alle Fälle besser als gar nichts. Und sie fühlte sich nicht mehr von Ralof abhängig.

„Seid ihr sicher, dass es so geht“, fragte Ralof vorsichtig und Nanija humpelte zügig mit Hilfe ihrer neuen Krücke davon. 'Frauen', dachte Ralof und schüttelte nur den Kopf. Letztendlich war er aber selbst froh, das Nanija ohne seine Hilfe gehen konnte, denn er spürte wie seine eigene Wunde anfing ein wenig zu schmerzen. Außerdem war er so auch besser in der Lage, sollten sie angegriffen werden sich verteidigen zu können. Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander den Weg entlang. Der Tag neigte sich langsam dem Ende entgegen und es wurde schnell dunkel.

„Wir sollten uns ein ruhiges Plätzchen abseits des Weges suchen, wo wir die Nacht verbringen können. Ganz in der Nähe fließt ein kleiner Bach vorbei. Ich denke, dort finden wir einen geeigneten Ort.“

„Ja, das hört sich gut an.“, nickte Nanija zustimmend.

Eine viertel Stunde später erreichte sie den Bach und sie fanden dort auch eine gute Stelle bei einem umgestürzten Baumstamm, hinter denen sie ihr Nachtlager aufschlagen konnten. Man würde sie vom Weg aus nicht bemerken, aber sie konnten sehen, ob jemand anderes den Weg entlang ging. Am Bach wuchsen ein paar Beerensträucher die noch Früchte vom letzten Herbst trugen. Nanija probierte vorsichtig einige davon und spuckte die schnell wieder aus, da sie ungenießbar waren. Auch einen wilden Apfelbaum gab es in der Nähe, an dem noch ein paar recht sauer aussehende Äpfel hingen. Ralof pflückte ein paar. Fische gab es in dem Bach nicht, dafür war er zu klein.

Der Winter war sehr mild gewesen und es war für die Jahreszeit recht warm. Daher beschlossen sie beide, dass sie lieber kein Feuer machten, um nicht bemerkt zu werden. Sie setzten sich an den Bach und tranken etwas. Jetzt erst merkten beide wie hungrig und durstig sie waren. Die Äpfel waren genauso sauer wie sie aussahen, aber ansonsten essbar. Daher beschlossen sie, ihre Vorräte aus dem Gefängnis aufzusparen. Nachdem sie sich etwas gestärkt hatten, versuchte Nanija ihren Stiefel auszuziehen, was ihr aber nicht gelingen wollte. So beschloss sie ihn mit ihrem Messer aufzuschneiden. Ralof wollte ihr helfen, aber Nanija lehnte es ab. Nachdem es ihr gelungen war, den Stiefel auszuziehen, kühlte ihren Fuß kalten Wasser, der sich recht dick anfühlte. Dass er dunkelbau angelaufen war, konnte sie im Dunkeln nicht sehen. Das getrocknete Blut aus ihrem Gesicht hatte sie auch abgewaschen. Sie hatte mehrere Kratzer davon getragen. Anzeichen, das sich etwas entzündet hatte waren nicht zu spüren.

Ralof selbst hatte beschlossen nicht nach seiner Wunde zu schauen, da man eh nicht mehr viel sehen konnte. Er wollte Nanija nicht zusätzlich beunruhigen. Wenn sie in Flußwald ankommen, dann würde Gerdur schon was machen können.

Sie schwiegen beide eine Weile. Dann sagte Nanija plötzlich. „Danke, dass ihr euch um mich kümmert und nicht einfach bei der Höhle zurück gelassen habt.“ Ralof lächelte zurück. „Einen guten Kameraden lässt man nicht zurück.“

‚Ihr werdet euch noch wünschen, mich zurückgelassen zu haben‘, dachte Nanija nur sagte aber nichts weiter. Obwohl sie beide Müde waren konnte sie aber nicht sofort einschlafen. Der Mond kam langsam hinter den Bäumen hervor und es wurde wieder etwas heller. In der Ferne sah man auf einem Berg eine Ruine der alten Nords stehen.

„Das ist das Ödsturtzhügelgrab“, erkläre Ralof Nanija. „ Als Kind hatte ich immer Angst, die Drauge und Toten würden nachts dort hinunter kommen und mich fressen. Ich habe nie verstehen können, wie meine Schwester im Schatten der Ruine leben mag.“

„Und heute?“, fragte Nanija, „Fürchtet ihr die Ruine noch immer?“

Ralof starrte zum Grab hinüber. „Ja.“ dann schwieg er und auch Nanija sagte nichts mehr und irgendwann schliefen beide ein.

Es begann zu dämmern als Nanija erwachte. Sie brauchte einen Moment um sich zu orientieren. Dann spürte sie wie ein leichter Schmerz durch ihren Fuß zog und die Erinnerung an den gestrigen Tag kam zurück. Langsam stand sie auf. Ralof schlief noch fest. Ohne ihn zu wecken humpelte sie zum Bach hinüber und hielt dann ihren leicht schmerzenden Fuß in das kühle Nass. Der Schmerz begann nachzulassen. Als es heller wurde konnte sie erkennen, dass die Schwellung zurückgegangen war. Die dunkle Farbe würde sich wohl noch etwas länger halten. Aber das störte sie nicht weiter. Sie begann von den langen Grashalmen, die am Bachufer wuchsen, welche zu sammeln. Daraus würde sie sich ein paar Schnüre flechten, mit denen sie den Aufgeschnitten Stiefel etwas zusammenbinden konnte.

Sie setzte sich wieder an das Wasser und kühlte ihren Fuß, während sie sich an die Arbeit machte. Ralof schlief immer noch tief und fest. Als sich bei ihr der Hunger bemerkbar machte ging sie zurück zum an ihren Lagerplatz und nahm sich einen der sauren Äpfel. Ralof war zwischenzeitlich auch aufgewacht. Er sah Nanija lächelnd an.

„Ihr seid aber schon früh wach.“

Sie nickte nur. Ralof stand langsam auf und begab sich zum Bach um sich zu waschen. Von seiner Wunde spürte er nichts. Das beruhigte ihn, denn dann konnte es ja auch nicht so schlimm sein. Als er fertig war setzte er sich zu Nanija ins Gras. Sie beschlossen einen Teil des Fleisch und von dem Brot zu essen. Unterwegs würden sie versuchen ein wenig zu jagen und Beeren zu sammeln. Als sie fertig waren brachen sie auf.

Ralof wäre es lieber gewesen, wenn sie abseits des Weges hätten gehen können, aber Aufgrund der Verletzung von Nanija war das schlecht möglich. Selbst auf dem ebenen Weg kamen sie recht langsam vorwärts. Sie waren froh, dass Nebel aufzog. So wurde die Gefahr entdeckt zu werden vermindert. Die meiste Zeit gingen sie schweigend nebeneinander. Ab und an versuchte Ralof ein Gespräch zu beginnen indem er Nanija etwas über die Gegend erzählte, die er fast wie seine Westentasche kannte. Aber mehr als ein Nicken kam selten von ihr zurück. ‚Konnte er nicht einfach seine Klappe halten‘ dachte sie nur.

Gegen Mittag gelang es Ralof einen Hasen mit seinem Bogen zu erlegen. Sie würden ihn an Abend braten können, denn er kannte eine kleine Höhle, wo sie die Nacht verbringen konnten. Dort ein Feuer zu entfachen sollte keine Gefahr darstellen. Daher aßen sie die Reste des Brots und Fleisch aus dem Gefängnis zu Mittag. Gegen Nachmittag ging der Nebel in leichten Regen über. Für Nanija wurde es schwieriger, mit ihrer Krücke auf dem rutschig werdenden Boden vorwärts zu kommen. Aber sie wollte keine Hilfe von Ralof annehmen. Sie erreichten den kleinen Pfad, der zur Höhle, die Ralof kannte, vor Einbruch der Dunkelheit. Ralof ging voraus, weil er sicher gehen wollte, dass sich keine Banditen dort eingenistet hatten. Ab und an kam das schon mal vor. Es war alles ruhig. Nahe der Höhle war ein kleiner klarer Tümpel. Dort tranken sie erst mal ordentlich etwas.

Ralof bat Nanija, den Hasen auszunehmen. Er würde in der Zwischenzeit Holz sammeln, damit sie ein Feuer machen konnten. Nanija setzte sich auf einen Stein am Rand des Tümpels und hielt ihren Fuß in das Wasser. Er war wieder angeschwollen und schmerzte heftig. Während sie nun auf dem Stein saß und im Nieselregen den Hasen ausnahm, dachte sie darüber nach wie es weitergehen sollte. Wenn sie Ralof bis Windhelm begleiten sollte, musste sie wohl oder übel anfangen sich ihm gegenüber etwas aufgeschlossener zu verhalten. Ansonsten würde er sie wohl am Ende nicht mitnehmen. Oder sollte sie doch wie Hadvar es ihr vorgeschlagen hatte, zurück nach Einsamkeit gehen und dann die verhassten Sturmmäntel offen bekämpfen? In der Theorie war es recht einfach zu ihr zu sagen: „Schließt euch einer Gruppe der Feinde an und lebt unter ihnen. Bringt so viel über ihr Pläne in Erfahrung wie ihr nur könnt.“ Dann schüttelte sie den Kopf. Es war ihre Pflicht, das zu tun und sie würde ihre Aufgabe zur Zufriedenheit ihrer Ausbilder erfüllen.

Als sie mit dem Hasen fertig war, streifte sie ihren Stiefel wieder über und schnürte ihn so gut es ging wieder fest. Sie spießte den Hasen auf einen dünnen, aber stabilen Ast. Sie fand auch noch zwei äste die auf dem einen Ende eine gegabelt und auch lang genug waren, so dass man den Bratspieß darauf legen konnte. Dann ging sie zur Höhle, wo Ralof in der Zwischenzeit angefangen hatte, das gesammelte Holz aufzuschichten. Durch den Regen war das Meiste zu nass, um es gleich zu verwenden. Ihm war es aber gelungen ein paar trockene Äste zu finden, die sie zunächst nutzen konnten um schon mal ein kleines Feuer zu entfachen. Während Ralof das tat suchte Nanija in der Höhle nach ein paar Steinen um beiden Äste, auf die sie den Spieß legen wollte abzustützen.

Als das Feuer endlich brannte und sich Ralof und Nanija davor setzten, merkten sie erst wie kalt ihnen war. Ralof übernahm es, den Spieß regelmäßig zu drehen, damit der Hase nicht anbrannte.

„Was macht euer Fuß?“ fragte er sie nach einer Weile.

„Er tut noch ziemlich weh. Ein paar Tage Ruhe wären das Beste.“

„Wenn ihr es für besser haltet, bleiben wir hier, bis ihr wieder vernünftig laufen könnt. Ich denke, das uns hier kaum jemand finden wird.“

Nanija schüttelte den Kopf. „Nein, es ist zu gefährlich. Wir sollten sehen, dass wir so weit wie möglich weg von Helgen kommen.“

„Wenn wir Flusswald erreicht haben, sollten wir recht sicher sein. Weißlauf ist neutral und wird nicht von den kaiserlichen kontrolliert. Morgen Nachmittag sollten wir die Grenze zwischen Falkenring und Weißlauf passieren. Von dort ist es dann auch nicht mehr weit bis Flusswald.“

Nanija schwieg. Sie hatte ihre Arme um die angezogenen Beine geschlungen und ihr Kinn auf die Knie gestützt und sah in die Flammen des kleinen Feuers. Ralof sagte auch nichts mehr. Ab und an drehte der den Spieß. Als er der Meinung war, das der Hase durchgebraten war zerteilte er ihn. Er und Nanija aßen ihren Teil des Hasen nicht komplett, sondern ließen noch etwas für den nächsten Morgen übrig. Nach dem Essen packte Ralof die Reste des Holz, das zwischenzeitlich nicht mehr ganz so nass war, ins Feuer. Es rauchte ziemlich kräftig und Ralof überlegt es doch lieber zu löschen.

„Ich sollte es lieber löschen“, sagte er zu Nanija. „Nicht dass es uns noch durch den Geruch verrät. Immerhin zieht der Rauch nach draußen und verqualmt uns nicht hier drinnen alles.“

„Lasst es brennen. Wir haben den ganzen Tag niemanden gesehen und ich glaube nicht, dass jetzt in der Nacht hier jemand aufkreuzen wird. Etwas Wärme kann uns nicht schaden.“

Ralof sah sie lächelnd an. „Ihr hab sicherlich Recht.“

Nanija legte sich weit genug vom Feuer weg, um nicht von den Funken erwischt zu werden aber trotzdem noch genug Wärme abzubekommen. Ralof tat es ihr auf der anderen Seite nach. Er beobachtete Nanija, die ihm den Rücken zugewandt hatte. Wiedermal fragte er sich, wer war sie warum, war sie alleine unterwegs. Warum hatte sie sich nicht einer Handelskarawane angeschlossen oder fuhr mit der Kutsche Nach Einsamkeit. Das wäre doch viel sicherer gewesen. Dann fiel ihm ein, dass sie ja über den Pass bei Helgen über die Grenze gekommen sein musste. Und da am Wegesrand auf gut Glück zu warten bis irgendwer vorbei kam, könnte Tage oder Wochen dauern. Und sie was ja wie er feststellen konnte, sehr gut in der Lage, sich selbst verteidigen zu können. Also war es am Ende doch naheliegend, dass sie alleine unterwegs war. Ob sie wohl jemanden versprochen war? Er hoffte nicht. Sie war irgendwie anders als die Mädchen, die er bisher kennengelernt hatte. Sie versuchte nicht ihm auf irgendeine Art zu gefallen.

Ralof lag lange Zeit so da bevor er irgendwann einschlief. Auch Nanija war nicht sofort eingeschlafen, Sie spürte das Ralof sie beobachtet. Ob er wohl verdacht schöpfte? Sie hoffte nicht. Es dauerte dann auch bei ihr eine Weile bis auch sie ins Reich der Träume entschwand. Allerdings waren es keine guten. Sie sah in ihrem Traum den verhassten Anführer der Sturmmäntel, der ihre Familie getötet hatte, breit grinsen vor sich. Er streckte seine Hand nach ihr aus. Was dann passierte sollte erfuhr sie nicht mehr, denn sie wachte Schweißgebadet auf.

Ralof war durch ihr Wimmern wach geworden.

„Was ist los, Nanija. Habt ihr Schmerzen?“

Nanija schüttelte den Kopf. „Es ist nicht. Nur ein schlechter Traum. Das passiert leider immer wieder, wenn ich meine Kräuter nicht alle paar Tage nehme. Und die wurden mir von den Soldaten bei Helgen abgenommen.“

„Schlaft ruhig wieder. Mir geht es gut.“

Nanija rollte sich etwas mehr zusammen und versuchte wieder einzuschlafen. Sie war verärgert über sich selbst, weil sie die Medizin in ihrem Rucksack gesteckt hatte, statt in dem kleinen Fach in ihrem Gürtel. So brauchte sie wieder eine Weile bis sie irgendwann einschlief. Ralof beobachtete sie wieder. Er kam sich ein wenig hilflos vor, da er nicht wusste, was er tun sollte. Was war wohl ihr passiert? An dem der Gefangennahme und dem Drachenangriff konnte es schlecht liegen, wenn sie schon vorher Probleme hatte.

Da Ralof nicht schlafen konnte, stand er als die Dämmerung hereinbrach auch gleich auf. Das Feuer war heruntergebrannt, weiteres Holz zum Nachlegen hatten sie nicht. Ralof begab sich leise zum kleinen Teich, um sich zu waschen. Da Nanija noch schlief beschloss er diesmal nach seiner Wunde zu schauen, denn sie fing ein wenig an zu brennen. Sonderlich schlimm sah es nicht aus, wie er fand. Es war etwas rot geworden um den Biss, aber sah sonst okay für ihn aus. Bis Flusswald würde es sicher Problemlos gehen.

Nanija erwachte kurze Zeit später. Ralof kam gerade wieder zurück in die Höhle. Er sah sie lächelnd an.

"Wie fühlt ihr euch?" fragte er sie.

"Es geht so", meinte sie nur.

"Wenn wir gut vorwärtskommen, werden wir heute Abend Flusswald erreichen. Dann werden wir es gemütlicher haben und ein paar Tage ruhen können."

Nanija versuchte freundlich zu lächeln. "Das hört sich gut an", sagte sie leise. Dann begab sie sich hinaus zum Teich.

Gut eine Stunde später machten sich dann beide wieder auf den Weg. Es war am Morgen trockener als am Tag zuvor, aber der Weg war vollkommen aufgeweicht und an manchen Stellen extrem rutschig. In der Nacht hatte es Teilweise ordentlich geregnet. Sie waren gerade mal zwei Stunden unterwegs, als Nanija mit ihrer Krücke auf einen Stein kam, der durch das Regenwasser unterspült worden war, und der dann durch die Gewichtsbelastung absackte. Dadurch verlor sie das Gleichgewicht und versuchte einen Sturz zu vermeiden, indem sie ihren verletzten Fuß voll belastete. Nanija unterdrückte mühsam einen Schmerzensschrei.

Ralof sprang sofort zu ihr um sie zu halten. Fluchend klammerte sie sich an seinem Arm.

"Verdammt", fluchte sie nur.

"Kommt, setzt euch erst mal dort auf den Baumstamm."

Langsam führte er sie zu einem verwitterten Stamm, der schon ein paar Jahre am Wegesrand lag. Nanija setzte sich hin und beugte sich hinunter zu ihrem Fuß. Sie wollte die Schnüre aus den geflochtenen Gräsern öffnen. Ralof kniete sich vor sie hin und half ihr. Nanija wollte protestieren, aber Ralof ließ sich nicht beirren. Ganz langsam und vorsichtig zog er dann den Stiefel von ihrem Fuß. Nanija tastet dann den Knöchel ab. Dabei verzog sie schmerzverzerrt etwas das Gesicht. Ralof schwieg während sie ihren Fuß untersuchte. Dabei konnte er nicht wirklich helfen. Als Nanija fertig war, sah er sie fragend an.

"Ich habe wohl wieder Glück gehabt. Die Bänder scheinen noch intakt zu sein und gebrochen ist auch nichts. Es tut nur einfach höllisch weh und schwillt wieder an." Sie seufzte. Was sie wirklich dachte behielt sie für sich. Es ärgerte sie sehr, denn nun würden sie wohl wieder langsamer vorwärts kommen.

Ralof wirkte erleichtert, als er sie sagte. Während sie ihren Stiefel wieder über streifte, holte er ihre Gehhilfe. Er schaute sie sich genauer an und bemerkte dass sie angebrochen war.

„Damit werdet ihr nicht mehr weit kommen, befürchte ich. Lasst mich euch stützen, das wird besser sein.“ Er reichte ihr seine Hand um ihr auf zu helfen. Begeistert war sie nicht davon, das Ralof sie wieder stützte, aber sie erkannte selbst, dass es am Vernünftigsten war. So gingen sie dann langsam weiter. Immerhin hatte der Nieselregen komplett aufgehört und die Sonne versuchte, durch die Wolken durch zu brechen.

Zu Mittag aßen sie die letzten Äpfel die sie noch hatten. Ralof bestand darauf, das Nanija öfters einen Pause einlegte um ihren Fuß zu schonen. Er selbst brauchte diese Pausen auch, denn er merkte wie nun seine eigene Wunde anfing zu stechen. Er sagte Nanija, das sie wohl doch erst am nächsten Morgen Flusswald erreichen würden. Sie kamen viel langsamer voran, als wie er gehofft hatte. Nanija schlug Ralof vor, er könne doch alleine vorgehen und sie dann am später abholen. Davon wollte er aber nichts wissen. So gingen sie dann weiter. Am späten Nachmittag blieb Nanija plötzlich stehen. Ralof wollte sie gerade Fragen was denn los sei, als sie auf eine kleine Lichtung am Wegesrand deutete. Dort suchten mehrere Fasane im hohen Gras nach Futter.


Ralof verstand sofort was sie ihm damit sagen wollte. Er ließ sie los, nahm seinen Bogen zur Hand und zielte auf eines der Tiere. Sein erster Schuß streifte das ausgewählte Tier nur. Der zweite Pfeil traf zwar besser, aber der Vogel war immer noch nicht tot. So musste er noch eine Weile hinterherlaufen, bis er ihn erwischte. Nanija war zwischenzeitlich zu einem Baum gehumpelt und hatte sich an diesen gelehnt, während sie auf Ralof wartete. Völlig außer Atem kam Ralof zu ihr zurück.

„Der Bogen taugt nicht wirklich was“, schimpfte er. „Ich hoffe das Vieh ist nicht am auch am Ende zäh wie Leder“. Dann reichte er Nanija wieder seinen Arm. „ Wir erreiche bald den Weißfluss, an dem Flusswald liegt. Damit haben wir dann auch fast die Grenze zum Fürstentum Weißlauf erreicht. Ich denke in einer Stunde sollten wir dort sein. Etwas abseits vom Weg an einem kleinen Bach können wir dann die Nacht verbringen. Da können wir dann auch ohne Sorgen ein Feuer entzünden. Morgen früh sind es dann nur noch drei Stunden bis wir endlich in Flusswald sind.“

Es wurde schon dunkel, als sie endlich den Platz erreichten, wo Ralof übernachten wollte. Nanija setzte sich ans Wasser zog ihren Stiefel wieder aus und hielt den Fuß ins kalte Wasser. Während sie so da saß begann sie den Fasan zu rupfen. Ralof sammelt in der Zwischenzeit Holz. Diesmal war es einfacher ein Feuer zu entzünden, da es den ganzen Tag trocken gewesen war. Ralof übernahm es wieder den Spieß über dem Feuer zu drehen. Nanija beobachtet ihn dabei. Ihr fiel auf, des er schweigsamer als zuvor war. Sie führte es aber auf die Anstrengungen des Tages zurück und darauf das er wohl wenig geschlafen hatte. Nach dem Essen legten sie sich auch beide gleich ans Feuer und schliefen bald ein.

Nanija wachte mehrfach aus ihrem unruhigen Schlaf auf. Ralof schien diesmal nichts mitzubekommen, denn er selbst rührte sich nicht und schien fest zu schlafen. Als die Sonne am Morgen dunkelrot über der Ruine des alten Nordgrabs auf der anderen Flußseite aufging, begab sich Nanija wieder an den Bach um ihren Fuß wieder zu kühlen. Das kalte Wasser ließ die Schmerzen schnell vergehen. Nach einer Weile begab sie sich zurück zum Feuer. Ralof schlief immer noch.

Da beschloss sie, dass es an der Zeit war, ihn zu wecken. Vorsichtig berührte sie ihn an der Schulter und schüttelte ihn dann leicht. Benommen drehte er sich zu ihr um. Nanija erschrak als sie sein glühendes Gesicht sah. Er hatte über Nacht heftiges Fieber bekommen. Wie konnte das nur sein, fragte sie sich. Dann sah sie den großen rötlichen Fleck an seiner zerschlissenen Rüstung. Verdammt, warum hatte sie das nicht schon früher bemerkt. Wann konnte das passiert sein? Eigentlich nur in den Tunneln oder der Höhle unter Helgen. Warum hatte er nur nichts gesagt? Sie fluchte leise. Wenn er jetzt hier starb, würde sie einen neuen Plan erarbeiten müssen, um den Sturmmänteln bei zu treten.

Vorsichtig begann sie die Rüstung zu öffnen. Glücklicherweise, war es eine die man vorne auf machen konnte. Ralof brummte vor sich hin als sie sich ans Werk machte. Nachdem es ihr gelungen war die Rüstung soweit zu öffnen, dass sie an die verletzte Stelle gut rankam, schob sie sein Leinenhemd hoch und sah sich die Wunde an. Wieder fluchte sie leise. Sie war keine Heilkundige, aber sie erkannte, dass es nicht gut aussah. Die Wunde hatte sich dunkel verfärbt und eitriger Ausfluss lief heraus. So konnte er nicht weitergehen. Und selbst wenn es ihr gelang eine Art Schleppe zu bauen, auf die sie ihn legen konnte, würde sie mit ihrem verletzten Fuß nicht wirklich weit kommen.

Sie riss ein Stück von seinem Hemd an und begab sich damit zum Bach. Anschließend legte sie das nasse Stück Stoff auf seine Stirn. Sie wiederholte das ein paarmal. Aber wirklich helfen tat es nicht. Sie überlegte eine Weile, was sie tun sollte. Würde sie es alleine schaffen bis Flusswald zu gelangen, um Hilfe zu holen? Und sollte sie den blonden Nord hier alleine zurücklassen? Aber was war die Alternative? Zu hoffen, dass irgendwelche Reisenden vorbei kämen, die ihr helfen konnte? Da würde sie wohl bis in alle Ewigkeit warten können. Abgesehen davon wäre es unklug, Fremden zu vertrauen, wenn man im Sturmmantelgewand gekleidet war. Auch wenn sie hier auf neutralem Gebiet waren, hielt sie es für keine gute Idee möglicherweise einer kaiserlichen Patrouille in die Hände zu fallen. Auch wenn sie die letzten Tage niemandem begegnet waren, musste, das nicht heißen, dass es auch so bleiben würde. Nein, sie musste es alleine nach Flusswald schaffen.

Vorsichtig sammelte Nanija etwas Holz und sah sich nach einem kräftigen Ast um, den sie als Krücke nutzen konnte. Nach einer Weile wurde sie fündig. Der Ast war nicht so gut wie der den sie anfangs hatte, aber zum Abstützen sollte es reichen. Dann legte sie das restliche gesammelte Holz aufs Feuer. Sie hoffte damit wilde Tiere von Ralof fern zu halten.

„Halter durch, ich hole so schnell ich kann Hilfe“, sagte sie zu ihm bevor sie ging.

Dann machte sie sich auf den Weg.